Die Debatte um das Kopftuch wird gerne als Frage des Schutzes von Frauen dargestellt. Doch was passiert, wenn Frauen geschützt werden sollen, indem man ihnen eine Entscheidungsmöglichkeit wegnimmt? Genau hier liegt für mich das Problem mit dem von der SVP geforderten Kopftuchverbot.
Dass es Fälle gibt, in denen Mädchen oder Frauen unter Druck gesetzt werden, ein Kopftuch zu tragen, möchte ich nicht bestreiten. Solche Fälle von Extremismus gibt es. Auch die Schule muss ein Ort sein, an dem Kinder frei von Druck aufwachsen können.
Aber ist ein allgemeines Verbot deshalb die richtige Lösung? Und selbst wenn ein extremistischer Elternteil seine Tochter zum Tragen eines Hidschabs zwingt: Würde er seine Tochter nach einem Verbot einfach ohne Kopftuch zur Schule schicken? Oder würde er möglicherweise andere Wege finden, seinen Willen durchzusetzen? Was passiert, wenn ein Mädchen dadurch gar nicht mehr zur Schule geht, keine Freundschaften ausserhalb eines extremistischen Umfelds knüpft und noch stärker abgeschottet wird? Ein Verbot löst nicht automatisch den Zwang, der dahinterstehen kann. Im schlimmsten Fall verschiebt es das Problem nur und nimmt gleichzeitig auch jenen Frauen und Mädchen eine Freiheit, die sich aus eigener Entscheidung für ein Kopftuch entscheiden.
Meine Schwester trägt ein Kopftuch, ich nicht. Meine Mutter hat uns nie in eine bestimmte Richtung gedrängt. Für mich ist genau das der entscheidende Punkt: Wir konnten selbst entscheiden.
Ich habe ausserdem mit zwei muslimischen Frauen gesprochen, die in der Schweiz geboren und aufgewachsen sind. Beide begannen erst mit Ende zwanzig, ein Kopftuch zu tragen. Die eine ist Juristin, die andere arbeitet in einem Krankenhaus. Beide sind Teil dieser Gesellschaft. Trotzdem erleben sie seit dem Tragen des Kopftuchs, dass sie nicht mehr zuerst als die Frauen wahrgenommen werden, die sie sind.
Eine von ihnen beschrieb es so: Auch an schlechten Tagen gebe sie ihr Bestes, nur damit diejenigen, die bereits ein schlechtes Bild von ihr hätten, keinen Grund bekämen, sie als inkompetent oder unfreundlich wahrzunehmen. Früher sei sie wegen ihres Aussehens nicht komisch angeschaut worden. Heute werde sie nicht mehr einfach als Frau gesehen, sondern direkt als muslimische Frau. Wenn eine muslimische Frau in der Schweiz ein Kopftuch trägt, wird sie oft entweder als unterdrückt oder als zu radikal wahrgenommen. Dazwischen scheint es nichts zu geben. Man spricht nicht mit ihr, sondern entscheidet über sie.
Genau deshalb überzeugt mich die Vorstellung nicht, Frauen mit einem Verbot zu schützen. Feminismus bedeutet für mich nicht, Frauen vorzuschreiben, wie sie sich kleiden sollen. Er bedeutet, dass Frauen selbst über ihr Leben entscheiden können.
Der Schutz von Frauen darf nicht dazu führen, dass man ihnen ihre Selbstbestimmung nimmt. Denn am Ende bleibt eine einfache Frage: Wer soll über die Entscheidung einer Frau bestimmen. Sie selbst oder der Staat?