Nicht Golta ist noch kein Programm

Përparim Avdili führt derzeit einen der auffälligeren Wahlkämpfe, den Zürich seit Langem gesehen hat. Während in dieser Stadt über unbezahlbare Mieten und steigende Lebenshaltungskosten diskutiert wird, setzt der FDP-Kandidat auf Plakate mit einer einzigen, sehr klaren Botschaft: Nicht Golta. Der Satz steht in halber Hausgrösse über der Stadt, während Avdilis eigener Name daneben fast schüchtern wirkt. Es ist ein Wahlkampf, der weniger für eine eigene Vision wirbt als gegen die Vorstellung, dass die SP weiterführen darf.

Die Ironie liegt dabei offen zutage. Ausgerechnet jene Partei, die sonst gerne über die «Identitätspolitik der Linken» spottet, betreibt sie hier selbst. Die FDP wirft der SP seit Jahren vor, sich über Zuschreibungen statt Inhalte zu definieren und präsentiert nun einen Kandidaten, der sich genau darüber inszeniert: als Mieter, Quartiermensch, Bünzli, Altstetter. Auch als Anti-Establishment-Figur tritt Avdili auf. Doch gerade hier zeigt sich der zentrale Widerspruch dieses Wahlkampfs. Avdili ist seit Jahren Gemeinderat, führt die FDP Stadt Zürich und steht an der Spitze einer der bestvernetzten und reichsten Stadtparteien.

Hier klaffen Selbstbild und politische Realität auseinander. Das ist kein moralisches Urteil, sondern eine nüchterne Feststellung – und sie wird dort relevant, wo Anti-Establishment zum zentralen Verkaufsargument wird. Inhaltlich bleibt vieles erstaunlich vage. «Mehr bauen», sagt Avdili. Wie, für wen und zu welchem Preis, bleibt offen. «Weniger Bürokratie» klingt gut, sagt aber wenig darüber aus, wer davon konkret profitieren soll. Übrig bleibt eine FDP-Politik, die man in Zürich seit Jahren kennt: Deregulierung, Marktlogik, Privatisierung – diesmal einfach in grossen Plakatwörtern verpackt.

Dass dieser Wahlkampf schlingert, zeigt sich auch an der Frage, wer Avdili eigentlich wählen soll. Links? Sicher nicht. Linke Wähler*innen werden kaum zu einem Kandidaten greifen, dessen Wohnpolitik direkt bei der Immobilienlobby abgeschrieben wurde. Rechts? Ebenfalls kaum. Die SVP tritt trotzig mit einem eigenen Kandidaten an, auch, weil man sich nicht einigen konnte und weil man es einem FDPler schlicht nicht gönnt.

Was bleibt, ist ein Wahlkampf, der stark über Abgrenzung funktioniert. Das ist nicht per se illegitim – Wahlkämpfe werden immer auch gegen andere geführt, und ja, auch diese Kolumne tut das. Entscheidend ist aber, ob hinter der Abgrenzung eine erkennbare politische Richtung steht. Zürich steht vor realen sozialen und ökonomischen Konflikten, die nach mutigen Entscheidungen verlangen.

Umso wichtiger ist, dass am Ende nicht die Grösse der Plakate entscheidet, sondern die Inhalte. Zürich hat diese Debatte verdient. Auf einen fairen Wahlkampf.