Leben als Russin?

In den letzten vier Jahren werden in den Medien fast täglich über Dronenangriffe, zerstörte Öllager, zivile Opfer und Frontverläufe im Ukrainekrieg berichtet. Dadurch wird in unserer Gesellschaft eine klares Bild des Krieges gezeigt.
Doch was, oder genauer gesagt „wer“ nie erwähnt wird, ist die russische Bevölkerung, sei es innerhalb oder ausserhalb Russlands. In Russland funktioniert nichts mehr ohne VPN, da der russische Staat jegliche freie Medien und Kommunikationskanäle gesperrt hat. Auch mit VPN ist den Kontakt schwierig, da regelmässig die Mobilen Daten und die Telefonverbindung aufgrund von Dornenalarm unterbrochen wird. Die Abkapselung der Inlandsbevölkerung führt dazu das Menschen keine Weltmeisterschaft, keine Olympische Spiele oder den ESC sehen können und nur noch Propaganda Sendungen indem neue «patriotische Gesetze» vorgestellt werden oder über die „Inoagenten“ gesprochen werden. Dies ist ein Stempel welche die Putin Regierung auf alle ihnen nicht konformen Künstler*innen, Journalist*innen und Oppositionelle steckt wodurch diese finanziell abgekapselt oder direkt verboten werden.
Auch für uns, Russ*innen im Ausland, hat sich nämlich vieles verändert. Familie und Verwandte in Russland zu sehen wird immer schwieriger - Flüge werden teurer die Einreise komplexer und zum Teil gefährlich. Auf Russisch in der Öffentlichkeit zu telefonieren ist schon fast peinlich, die verurteilenden Blicke von Passant*Innen, als wäre ich Teil des Regimes. In meinen Umfeld wurden Freund*innen und Familienangehörige beleidigt und bedroht. Dies tägliche Konfrontation lässt eine innere Wut wachsen. Wir wollten diesen Krieg genauso wenig wie die Bevölkerung in der Ukraine. Dieses Bild wird in der Schweizer Gesellschaft nicht erkannt, das Thema wird nur weiter polarisiert. Gewisse Medien unter Führung rechter Putin Unterstützer*innen zeichnen bewusst ein pro Putin Bild. Dies führt auch schnell zum Schluss, das alle Russ*innen automatisch pro Regime sind. Als wir in der Schule vor einiger Zeit eine Podiumsdiskussion hatten, und eine SVP-Politikerin in Bezug auf das Zivildienstgesetz über die Aufrüstung des Militärs sprach wurde ich in diesem Narrativ bestätigt. Sie sagte folgendes: «Natürlich müssen wir aufrüsten! Was machen wir, wenn morgen die Russen vor der Türe stehen?“ Natürlich wurde damit die russische Armee gemeint, und trotzdem wurde mir rot vor Augen. Ich könnte gerne meine Familie nehmen und sie vor die Tür stellen, wir sind ja auch alle „Russ*innen!“
Und wahrscheinlich das schlimmste von allem, was ich genannt habe, sind die Vorurteile. Sie müssen sich den Blick vorstellen, mit dem mich die Leute betrachten, wenn ich mal erwähne das ich in Russland war oder aus Russland komme.
Zeigen wir gemeinsam das Solidarität keine Grenzen kennt, gemeinsam auf der Seite der Zivilbevölkerung für ein Ende des Krieges.